Ein Gastbeitrag von Thilo Nemitz von Nerd-wiki.de

Ich war da, Gandalf. Ich war da, vor 3000 Jahren …

… als Pen & Paper-Rollenspiel gerade erst die Satanismus-Vorwürfe abgeschüttelt und sich als Nischeninteresse für Hardcore-Fantasy-Nerds etabliert hatte.
Zumindest fühlt es sich so an, als wären meine ersten Abenteuer mit Papier, Stiften und Würfeln schon eine Ewigkeit her. Doch ich erinnere mich noch genau an diese wunderbare Zeit.

Ein Freund hatte mich mit dem Virus namens „Das Schwarze Auge“ angesteckt. Nach Aventurien zu reisen war wie aus der Matrix aufzuwachen: Plötzlich hatten wir uns von den Fesseln befreit, die Karten- oder Brettspiele am Boden der Tatsachen hielten, und genossen die neue Freiheit namens „Kopfkino“. Fortan schockierte ich meine Eltern mit spontanen Äußerungen wie:

„Fulminictus Donnerkeil, schlage drein wie Axt und Beil!“

Tja, das hatten sie davon, dass sie kaum Zeit für mich hatten und mich die meiste Zeit mit Masters of the Universe-Figuren und Cartoons im Kabelfernsehen ruhigstellten.
Doch auch, wenn ich mich bei den Attacke-Parade-Orgien von DSA sehr lange genussvoll totwürfelte, wurde das „Deutsche D&D“ eines Tages abgelöst durch Advanced Dungeons & Dragons, begleitet von Ausflügen nach Midgard oder die düsteren Welten von Vampire the Masquerade und Shadowrun.

Gute alte Zeit! Doch das Beste ist: Was da im Neonlicht der 80er begann und in den 90ern fast fanatisch bis in die frühen Morgenstunden betrieben wurde, hat sich überraschender Weise bis heute gehalten. Und nicht nur das. Wir schreiben das Jahr 2021, zwei Jahre nach der Handlung von Blade Runner, und das Pen & Paper-Rollenspiel boomt wie niemals zuvor!

Stars und Sternchen, die sich als Rollenspieler „geoutet“ haben, Live-Spielrunden auf Twitch und, dank Peter Jackson, der Siegeszug von Fantasy in Kino und TV, haben dazu beigetragen, dass das Pen & Paper-Hobby ein zweites goldenes Zeitalter erlebt.
Natürlich ist es in der Corona-Pandemie auch der Lockdown-Langeweile geschuldet, dass viele Menschen nach neuen Hobbys suchen, die online betrieben werden können.
Doch der Hauptgrund für das Aufblühen, gerade von Dungeons & Dragons, dem Urvater der lustvollen Realitätsflucht, ist ein anderer:

Zeitlosigkeit.

Wie könnte es jemals aus der Mode kommen, mit lieben Menschen im Kreis zu sitzen, zu würfeln, zu bangen und zu lachen, und dabei gemeinsam auf interaktive Traumreisen zu gehen?
Diese Tradition ist so alt, wie das Erzählen von Geschichten am Lagerfeuer. Und bevor nicht die volle Immersion durch das erste Synapsen-gekoppelte MMORPG möglich ist, wird sich daran auch nichts ändern.

Im Folgenden möchte ich euch 5 Gründe präsentieren, warum Pen & Paper das beste Hobby der Welt ist. Als Ode an die Kraft der Imagination. Und …, weil ich es kann.

1. Rückzugsort und Heilzauber für dein Leben

Zunächst mal muss betont werden, dass Pen & Paper-Rollenspiel seit jeher eins der inklusivsten Hobbys ist, die es gibt. In allen mir bekannten Runden, inklusive meiner eigenen, waren schon immer, wie selbstverständlich, genauso viele Frauen wie Männer beteiligt. Auch Fragen nach Status, sexueller Orientierung oder Hautfarbe hatten und haben keinen Platz am Spieltisch. Wie auch? In einem fantastischen Rollenspiel, in dem verschiedenste Rassen und Klassen kooperieren, um die Herausforderungen der Geschichte zu meistern, haben kleinkarierte Denkweisen kaum Platz. Insofern ist D&D schon immer ein kleiner Safe Space gewesen, in dem jeder so sein konnte, wie er wollte.

Doch Rollenspiel kann so viel mehr! Dieser Safe Space mit Drachen und Zombies (haha, welche Ironie), in dem soziale Interaktionen „getestet“ und verschiedene Rollen ausgelebt werden können, ist z.B. unter Coaches schon lange ein Geheimtipp. Denn Spieler lernen dabei wertvolle Skills, wie Problemlösestrategien, Teamgeist, Improvisationstalent oder auch einfach nur die Fähigkeit vor einer Gruppe von Leuten frei zu sprechen. Kurz: Rollenspiel steigert das Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. Kein Wunder, dass es mittlerweile sogar bei der Behandlung von Depressionen und Ängsten genutzt wird. Ich kann aus persönlicher Erfahrung sagen, dass mir Rollenspiel schon zu Schulzeiten verschiedene Ängste genommen hat. Und in der Uni half es mir bei Referaten frei vor Leuten zu sprechen und Materialien zu präsentieren. Einmal Dungeon Master, immer Dungeon Master.

2. Freunde, Pizza und Gelächter

Jetzt mal im Ernst. Was gibt es Schöneres im Leben, als mit den besten Freunden zusammenzukommen und eine grandiose Zeit zu haben? Die imaginären Abenteuer, die beim Rollenspiel gemeinsam erlebt werden, können dabei schon fast zweitrangig sein. Natürlich ist es toll, in fremde Welten vorzudringen, in neue Rollen zu schlüpfen und dabei ein ums andre Mal das Multiversum zu retten. Oder auch nur die Katze der traurigen Hexe vom Baum.

Doch die ganze Metaebene, die wir früher immer „Wein, Weib und Gesang“ genannt haben, macht Rollenspiel erst zu einem unvergesslichen Happening: Das Ritual der Pizza-Beschwörung; das gemeinsame Lachen und die unweigerlich entstehenden Running Gags; die wilden Diskussionen über Regeln und Ingame-Logik; oder das Verschlingen von süßen und salzigen Snacks, bis sich die Hände in schmierig-klebende Klauen der Handbuchverschandelung +3 verwandeln. All das fühlt sich an wie … Familie. Und das macht Pen & Paper so unersetzlich.

3. Heimliche Wünsche ausleben und Theater spielen

Ich habe nicht gefragt, wie groß der Raum ist – Ich habe gesagt FEUERBALL!

Die Welt ist eine Bühne. Wir alle spielen unsere Rollen, manche davon freiwillig, andere unfreiwillig. Das Wunderbare an Pen & Paper-Rollenspiel ist, dass ich in jede auch noch so abwegige Rolle schlüpfen kann, die im Alltag undenkbar wäre. Die Grenze ist nur die Fantasie.

Es hat etwas sehr Befreiendes und Therapeutisches, wenn in einem sicheren (weil imaginären) Rahmen Machtfantasien, heimliche Wünsche und andere Experimente einfach mal ausgelebt werden können. Letztlich ist Pen & Paper das Räuber und Gendarm aus unserer Kindheit. Nur mit Regeln und ohne Dreck an der Hose. Es sei denn, wir betreten den Nachbargarten namens „LARP“, doch das wäre einen eigenen Artikel wert.

Dieses unbeschwerte Spielen, was wir alle als Kinder so geliebt haben, und das vielen von uns durch den sogenannten „Ernst des Lebens“ abhandengekommen ist, holt Pen & Paper wieder zurück auf den Tisch. Die Gesellschaft will uns manchmal einreden, dass wir irgendwann erwachsen werden und Drachen und Feen keinen Platz mehr in unserem Leben hätten. Doch das Gegenteil ist der Fall. Da der Spieltrieb eine sehr grundlegende Kraft des Kosmos ist, kommen wir auch nie davon los. Die „Spiele“ heißen nur irgendwann anders: Beruf, Familie oder Sport. Und da hat Pen & Paper definitiv seinen Platz als „intellektuelle“ Variante von Räuber und Gendarm.

4. Fantastische Abenteuer und Alltagsflucht

Wir alle brauchen doch hin und wieder Urlaub vom Alltag. Netflixen, Games zocken oder Bücher lesen kann uns dabei in fantastische Welten entführen. Doch wie wäre es, selbst in der Geschichte mitzuspielen … wie in einem interaktiven Film? Und damit die Handlung mit zu formen, in einer Welt, die sich der Spielleiter ausgedacht und mit allerhand schrägen Vögeln bevölkert hat?

Pen & Paper-Rollenspiel bietet genau so einen kreativen Höhenflug mit schwindelerregender Freiheit. Und das auf beiden Seiten des Spielleiterschirms. Die Spieler erleben ein, im besten Falle, spannendes Abenteuer, das sie mit Quests, Gegnern, Gesprächen und Belohnungen jeglicher Art überrascht.

Und der Meister, a.k.a. Spielleiter, darf, wie ein Regisseur oder Autor, einmal Gott spielen und alle Fäden in der Hand halten. Es gibt nichts Befriedigenderes, als seine Spieler zu erschrecken, zu belustigen oder zu rühren und dafür am Ende einer Spielsitzung sogar Lob und Anerkennung zu kassieren. Oder eine Tracht Prügel. 😉

5. Würfeln und die Magie des Zufalls

Die Stärken und Schwächen des eigenen Charakters in Zahlenwerten auf einem Charakterblatt nachzulesen, hat seinen ganz eigenen Reiz. Doch richtig interessant wird es erst, wenn die Würfel befragt werden – die Magie des Zufalls!

Unser ganzes Leben wäre langweilig und nicht lebenswert, wenn es das Element der Überraschung nicht gäbe. Diese Spannung morgens aufzustehen, und nicht zu wissen, was der Tag für uns bereithält. Oder wie heißt es so schön? Jede bekannte Zukunft ist bereits Vergangenheit.

Und da kommt im Pen & Paper der Würfelwurf ins Spiel. Da kann mein Barbar noch so eine Killermaschine sein, bei einer 1 (auch „Fumble“ oder „kritischer Fehlschlag“ genannt), stößt er den Orkhäuptling nicht in die Schlucht, sondern streichelt ihm nur sanft über den Rücken – was für Verwunderung beim Ork und eine ganz neue Strategie zur Konfliktlösung führen kann…

Das Gegenteil ist ebenso spaßig. Eine 20, sprich einen „Kritischen“, zu würfeln, wenn ein Kampf auf der Schneide steht, ist einfach episch. Das versteht vielleicht niemand, der noch nie 10W6 für einen Blitzschlag gewürfelt und damit wer weiß was eingeäschert hat. Würfeln ist einfach pure Magie, bei der Freud und Leid so nah beieinander liegen können. Das fängt beim Auswürfeln des Charakters an und hört beim Versemmelten eines Rettungswurfs gegen Tod, Versteinerung oder Desintegration auf.
Überhaupt ist der Würfelaberglaube unter Rollenspielern weit weitverbreitet. Manche besitzen sogar sogenannte Dice Jails (Würfelknast), in denen Würfel ihr Dasein fristen müssen, die zu oft in Folge Mist produziert haben. Was soll ich noch sagen? Das Yin und Yang des Würfelns gehört zum Rollenspiel, wie das Met zum Wikinger.

So, die Würfel sind gefallen. Das waren sie also, meine persönlichen 5 Gründe, warum Pen & Paper das beste Hobby der Welt ist. Oder zumindest ein verdammt Gutes.

Ich hoffe, der ein oder andere von euch, konnte sich in meinen Gedankengängen wiederfinden. Und vielleicht hat ja sogar jemand, der bisher keine oder nur wenige Berührungspunkte mit Pen & Paper-Rollenspiel hatte, nun Lust bekommen, selbst mal die Reisekleidung für Abenteurer (2 Goldmünzen, 4 Pfund) überzustreifen. Einfach eine Gruppe gründen oder sich einer bestehenden anschließen. Ihr werdet es nicht bereuen!

Und wer sein Innerstes nach Außen kehren möchte, so wie ich (siehe Bild oben), findet die richtige „Arbeitskleidung“ in der Rollenspiel-Kategorie von Supergeek.

In einer früheren Version wurde das problematische Wort „Rassenzugehörigkeit“ verwendet. Wir haben dieses durch „Hautfarbe“ ersetzt.